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Ein anderer Blickwinkel

 

Die Leser:innen meiner Texte, die schon eine Weile dabei sind, haben sicher schon gemerkt, dass mir eines sehr am Herzen liegt: Dass es den Menschen besser gehen möge. Dass sie Einstellungen über Bord werfen können, die sie darin hindern, glücklich zu sein. Dass ich hier geistige Hebamme für neue Ansichten und aktiver Cheerleader für ein fröhliches Leben bin. Eine cheerleadernde Hebamme also, die mit bunten Pompons am Spielfeldrand steht und singt, tanzt und jubelt in der Hoffnung, dass die positive Energie der Anfeuerung auf dem Spielfeld, also bei Ihnen, ankommt. 

 

Ob es mir gelingt, das Feuer zu zünden? 

 

Keine Ahnung. Ich kann nur anregen, kann nur von mir und meinen Ansichten, Erfahrungen, Tricks und Tipps berichten. Umsetzen und anwenden müssen Sie alle schon selbst. Da sehe ich aber gleich ein paar dunkle Wolken am Horizont heraufziehen: Wie jetzt, umsetzen und anwenden...? Jeder kann natürlich meine wöchentlichen Liebesbriefe als nette Abwechslung sehen, als Indikator für „Hoppala, schon wieder Freitag!“ oder als anregendes Geschreibsel.

„Schaköhnassonguh“, wie der Franzose leichtfüßig sagt. Jeder halt so, wie er mag.   

 

Um sich zu verändern und das eigene Leben mit ein wenig mehr Puderzucker zu bestäuben, ist jedoch mehr vonnöten als eine wöchentliche sieben-Minuten-Lektüre, die man anklicken und wegklicken kann, so wie es das aktuelle Zeitfenster im Terminkalender gerade hergibt. Was ich hier mache, ist ja im Grunde simpel. Ich schreibe über Dinge, die mir durch den Kopf gehen, die mich beschäftigen oder mir als Impuls über den Weg laufen. Ich gebe mir damit Mühe, denn ich will, dass meine Texte gut verständlich und anregend sind. Dass man kein Fremdwörterlexikon braucht, um sie zu verstehen, dass sie ins Herz und ins Hirn treffen. Die Leser meiner Kolumne bekommen dann das Ergebnis frei Haus geschickt und können es lesen oder auch nicht. Damit ist die Kuh aber noch nicht vom hauseigenen Eis. Um wirklich den Sinn zu erfassen, sollte man sich in Ruhe Zeit nehmen, über den Inhalt nachzudenken. Sich zu fragen: Wie sehe ich das eigentlich? Welche Meinung habe ich ganz persönlich dazu?

Bringt mich meine Meinung in meine persönliche Wohlfühloase oder beschere ich mir damit immer wieder Frust, Ärger, Unwohlsein und Probleme? Was passiert, wenn ich Dinge mal so oder so oder noch ganz anders angehe? Diese Art von Reflexion benötigt Zeit und Muße, damit die Gedanken fließen können und neue Informationen nach oben steigen können. 

 

Meine Meinung ist meine Meinung

 

Ich erhebe keinen Anspruch, dass jeder meine Meinung teilt. Auch ich verändere mich, auch ich habe schon meine Meinung geändert. Nicht innerhalb von fünf Minuten, aber zum Beispiel, wenn gute Impulse, Informationen und Argumente von außen dazu kamen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Wenn meine Einstellung oder meine Meinung zu schlechten Erfahrungen führten. Wenn die Zeit sich geändert hat, oder ich selbst mich verändert habe. Wenn meine Ansprüche und meine Haltung einen anderen Umgang mit dem Leben erforderlich machen. Meist ist es ein fließender Übergang von alt zu neu, aber manchmal knallen auch bei mir die Erkenntnisse wie eine Handgranate, reißen alte, fest verdrängte Blockaden ein und machen Platz für Neues. 

 

Um wirklich eine Veränderung im eigenen Leben zu erreichen, ist es erforderlich, die Fronten zu wechseln, den Blickwinkel zu verändern, sich die andere Seite mal genauer anzusehen. Eine schöne, aber schwere Coachingübung ist es, zwei Menschen mit gegensätzlicher Meinung gegenüber zu setzen und jeden die Position des anderen einnehmen zu lassen. Jeder muss dann die Meinung des anderen vertreten, Argumente für dessen Haltung finden und den anderen, der ja nun ebenfalls die andere Überzeugung hat, überzeugen. Das bedeutet, ich muss mich völlig in den anderen hineinversetzen, muss tief im Ideen-Fundus graben, um Pro-Argumente für dessen Ansicht zu finden. Das schult zweierlei: Erstens verändert diese Übung den Blick auf das Thema, auf das zu lösende Problem und auf die Befindlichkeit und Werte des Gegenübers. Zweitens öffnet es uns selbst in Bezug auf Toleranz, Großzügigkeit im Denken, Vielfalt der Argumente und im besten Falle für Verständnis und Akzeptanz. Schön dabei ist, dass man lernen kann, den anderen in seinen Gefühlen, Bedürfnissen, Sorgen und Nöten wahrzunehmen. Ich stelle mir vor, wie Eheleute, die sich über ein Thema immer wieder in die Wolle kriegen, diese Übung zu Hause mal ausprobieren. Topp oder Flopp, es gibt nichts zu verlieren. Einen Versuch ist es immer wert.

 

Ich selbst versuche immer, mich in andere hineinzuversetzen. Frage mich, was denjenigen wohl antreiben mag, was ich vielleicht fühlen würde an dessen Stelle und wie ich dann handeln oder denken würde. Je weniger Vorurteile und Rechthaberei bezüglich der eigenen Meinung dabei im Spiel sind, desto besser und aufschlussreicher das Ergebnis dieser Gedankenspiele. 

 

Verständnis und Toleranz sind die wahren Schatzgräber des Glücks

 

Wir sind alle eins, sind gleich aufgebaut mit ähnlichem Design, haben alle Hirn, Herz und Magen an der gleichen Stelle. In unseren Venen läuft der gleiche Sprit, mit leichten Varianten, aber so ähnlich, dass wir uns gegenseitig mit Blut aushelfen können. Auch unsere Gefühle, unsere Körpersprache und unsere Emotionen sind gleich. Das einzige, was uns unterscheidet und weshalb manche besser und manche schlechter im Leben zurechtkommen, sind unterschiedliche Erfahrungen und unsere Reaktionen darauf. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen, und ein Urteil über den anderen steht uns daher gar nicht zu. 

Letztendlich ist alles eine Frage der persönlichen Einstellung 

 

Um unsere Einstellung so zu verändern, dass wir das Leben nicht als anstrengenden Marathonlauf mit eingebauten Hürdenetappen erleben, sondern als abwechslungsreichen, anregenden und gesunden Trimm-Dich-Parcours, brauchen wir regelmäßig Pausen, um nachzudenken. Die Löwin döst nicht im vollen Sprint bei der Jagd, sondern im Anschluss, gemütlich unter einem Baum liegend.  Zwischen zwei Terminen, bei der Hatz durch den Alltag und dem gerecht werden wollen aller an uns gerichteten oder von unserem Perfektionismus verordneten Aufgaben klappt das nicht. Es erzeugt eher noch mehr Druck. Sich eine Pause zu gönnen wird vom „Ich mache jetzt eine schöne Pause“ zu „ich muss unbedingt Pause machen, ich kann nicht mehr“. Da ist der Stress gleich mit eingebaut und endet damit, dass wir uns höchstens kurz eine Tasse Kaffee reinziehen, während wir parallel unsere SMS und Emails checken, unsere To-Do-Liste aktualisieren und uns ansehen, was wir an diesem Tag noch alles schaffen „müssen“. 

 

Eine Entsprechung zur Blickwinkeländerung ist in den Tarotkarten „der Gehängte“. Das ist meine Lieblingsposition, wenn ich abends im Bett nochmal über den Tag nachdenke. Ich liege dann genau so, wie der Mann hängt und finde das unglaublich entspannend: Ein Bein angewinkelt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Der Gehängte denkt kopfüber am Baum hängend nach. Hängend zu sinnieren ist natürlich die extremste Form eines Blickwinkeländerung, zeigt aber auch, dass eine andere Betrachtung der Welt nichts Beunruhigendes ist. Egal, wo und wie wir das machen, es erweitert unseren geistigen Horizont, bringt uns neue Eindrücke und lasst uns die Vielfalt der Möglichkeiten erkennen.

 

Meditation ist ebenso eine wunderbare Methode, um den unruhigen Geist zu besänftigen und Raum zu schaffen für neue Gedanken. Entspanntes Gemüseschnippeln geht auch. Glotzen, einfach nur dasitzen, ohne Ablenkung. Alleine spazierengehen. Sich in die Sonne legen, vielleicht wie der „Gehängte“, die Wolken ziehen lassen, der Natur zuhören... 

 

Lass deine Augen offen sein, 

geschlossen deinen Mund, 

und wandle still, so werden dir

geheime Dinge kund. 

Hermann Löns

 

Wir leben in einer wunderschönen Welt, dieser Planet ist eine Wucht. Eine Blickwinkeländerung ermöglicht uns, die schönen Seiten wieder zu sehen, auf neue Ideen zu kommen, Dinge anders zu betrachten. Es gibt da immer noch Steigerungs-möglichkeiten, bei jedem von uns. Wir sollten uns auch nicht zu viel vornehmen, nicht alles auf einmal ändern wollen. Jeden Tag ein wenig ist wirkungsvoller, als die Latte zu hoch zu hängen und an den eigenen hohen Ansprüchen zu scheitern.  Oder es gar nicht zu versuchen, weil die Aufgabe zu mächtig scheint. 

 

Deshalb veröffentliche ich auch nur einen Text pro Woche. Das ist gut für die Leser, die sieben Tage Zeit haben, über das Thema und sich nachzudenken. Und es ist gut für mich, weil ich selbst auch noch Zeit habe für mein Leben, meine Gedanken, meine Auszeiten mit verändertem Blickwinkel. Wir alle können nur einen Schritt nach dem anderem machen, anders geht es für keinen. Und Schnelligkeit ist hierbei nicht gefragt. Nur Ruhe, Muße, Zeit. 

 

 

Tel : +49 (0)2163 499 52 80

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